Gisellas Netztagebuch

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Weblog
Ich nehme den Begriff Weblog jetzt mal wörtlich. 
In diesem Tagebuch findest du kleine, aber feine Einblicke in meinen Alltag. 
Nicht jeden Tag gibt es was zu erzählen und manchmal auch viel zu viel - die Mischung macht`s. 
Sei neugierig und guck rein:

19. September 2022

Liebes Tagebuch,

jetzt ist es soweit: Ich bin 60 Jahre alt. Am vergangenen Donnerstag hatte ich Geburtstag. Es hat nicht weh getan und ich bin auch nicht auf einen Schlag gealtert. Eigentlich ist es ja auch nur eine Zahl, aber der Klang dieser Zahl ist schon sehr… seniorenmäßig.

Doch es gab keine Krise, keine Furcht vor dem Alter oder „Jetzt-ist-sowieso-alles-vorbei-Gedanken: Ich hab mich total auf meinen Geburtstag gefreut! Und zwar zu Recht, denn ich hatte den wunderbarsten Geburtstag aller Zeiten.

Mein lieber Freund Tom hat in seiner Karte geschrieben: „Gut, dass Du bis hierher gekommen bist.“ Wie recht er hat! Ich wollte feiern, dass ich lebe, dass ich viele Krisen überstanden habe. Dass ich geliebte, liebenswerte und wundervolle Menschen um mich habe.

Und das HABE ich gefeiert!

Es gab das wunderbarste Essen in der Jubo Weinstube, hier bei uns um die Ecke. Dazu den leckersten Cremant und Wein. Ich habe sogar eine Torte vom Haus bekommen! Danke Julia, Boris und Otti für diese einzigartigen Abend!

Meine komplette Familie inklusive meiner Großnichte (9 Monate) war da – außer meiner 94-jährigen Mutter, die natürlich keine weiten Fahrten mehr unternimmt. Meine älteste Freundin Susanne (Frau des Monats im Februar 2021) mit ihrer gesamten Familie samt der zwei Enkelkinder (27 und 5 Monate) und mein ältester Freund Jürgen (763 Monate).

Von Susanne habe ich die erste Schwarzwälderkirschtorte zu meinem 15. Geburtstag bekommen. Ich weiß nicht, die wie vielte es in diesem Jahr war – Danke du Einzigartige!

Annette, eine meiner 15 Cousinen, war extra mit ihrem Mann im Wohnmobil angereist! Sogar meine einzigartigen Freund:innen – Silvia, Gerd, Christian, Bibi, Lutz, Sonja, Christine – aus der Zeit, als ich Grafik-Design in Bielefeld studiert habe, waren gekommen. Christian hat mir ein Lied gesungen!!!! Und meine wunderbare Freundin Eva und ihr Mann Thomas, mit denen ich am allerliebsten in Wien bin. Eva hat auf meinem Blog einen spannenden Text über „Lustangst“ geschrieben. Und last but not least die Leute aus Köln und um Köln herum: Anke, Kathrin, Susanne, Nannette (eigentlich auch aus Bielefeld) Diana, Frank –  hab ich jemanden vergessen? Ich hoffe nicht.

Rosa und Lilli – so habe ich die beiden „Mut-Frauen“ genannt, die mir meine Cousine Annette geschenkt hat. Sind sie nicht wunderbar?

Ich war um ca. drei im Bett, betrunken und selig. Das hält bis heute an. Also die Seligkeit, vom Alkohol lasse ich erstmal die Finger.

Mein Motto für die nächste Zeit:

„Wer schön sein will, muss älter werden.“

So heißt ein Foto, das Anke mir geschenkt hat. Drauf zu sehen ist ein Marabu. Ein wunderschöner Vogel, der nicht mit Farben oder seidenem Gefieder aufwarten kann. Sondern mit Würde und dem Bewusstsein, dass er seinen Platz in dieser Welt hat. Danke an euch alle, ihr seid einfach klasse!

18. August 2022

Ich war heute mal wieder beim Diabetologen. Alle drei Monate muss ich hin und alles kontrollieren lassen. Das ist immer nett in der Praxis – die Frauen, die die Praxis schmeißen, sind routiniert, aber eigentlich nie genervt. Und mein Doc – es gibt dort mehrere – ist einfach ein guter Arzt und witziger Typ. Und bevor du fragst: Ja, es gibt auch Ärztinnen dort. 🙂

Ich probiere demnächst ein neues Messsystem aus: Statt mir jedes Mal in den Finger zu stechen, (Pieks, Aua, Blut) muss ich dann nur noch mein Handy an meinen Oberarm halten und ich weiß gleich, was der Zucker macht. Bin gespannt und werde berichten.

Hast du Fragen zum Zucker? Sind erlaubt, erwünscht und willkommen. Also schreib sie gerne in die Kommentare. Aber Achtung: Bin keine Ärztin und kann also nur über meine Erfahrungen berichten.

Danach habe ich mir ein opulentes Brotfrühstück – statt des üblichen Porridges – gegönnt. Das war heute der Höhepunkt meines Tages. Bisschen läppisch, oder? Dazwischen habe ich Wäsche in der Maschine vergessen, mit halber Kraft die Küche aufgeräumt, auf der Wiese sitzend dem Hund beim Spielen zugesehen und ihm ein Stück Fleischwurst geklaut und selber gegessen. Mehr war eigentlich nicht.

Elise ist die graue Schönheit links.

 

14. August 2022

Das war ein sehr bewegtes Wochenende – richtig traurig und sehr schön. Aber ich erzähle von Anfang an.

Am Freitag mussten wir an den Niederrhein fahren, um die Wohnung meiner Schwiegermutter auszuräumen. Sie lebt jetzt in einer Einrichtung in unserer Nähe und hat sich dort inzwischen gut eingelebt. Wir müssen uns also um sie keine Sorgen mehr machen und können sie öfter sehen.

Sie braucht ihre Wohnung nicht mehr – und fast alles, was drin ist, auch nicht. Das ist dann der Job als Kind und Schwiegerkind: Aus-, auf- und wegräumen. So war es, als meine Mutter nicht mehr alleine leben konnte, und so ist es bei Marianne jetzt auch. (Lies zu diesem Thema meinen Text zur Pflege Angehöriger.)

Das erste Hindernis: der Weg dahin

Der Gatte ist mit einem geliehenen Kombi schonmal vorgefahren. Damit das Lieschen und ich etwas länger schlafen, in Ruhe im Park pinkeln und ohne Zeitdruck frühstücken können. So lieb…

Um die Mittagszeit stiegen wir beide also in die Eisenbahn und jetzt kommt ein Geständnis:

Ich habe mir ein 1.-Klasse-Ticket gekauft!

War ja nur Nahverkehr. Das ging nicht anders! Die Wagen waren sooo voll! Und ich muss auch an meinen Hund denken! Das ist schädlich für sie, wenn ich sie in so einen vollgestopften Zug quetsche. Sicher deutlich tierschutzrelevant!

Also saß ich sehr lässig und fast alleine im Abteil und freute mich ob meiner Extravaganz! Doggo legte sich mindestens ebenso lässig unter den Tisch und wir genossen die Fahrt.

Doch: Was endlich gut ist, währt nicht lange

Beim Umsteigen war es dann vorbei mit all dem Luxus. Denn der Zugverkehr in meine Richtung war leider komplett eingestellt. Das böse Wort, des jede/r Bahnreisende/r fürchtet, stellte sich zwischen mich und mein Ziel:

Schienenersatzverkehr

 Zum Glück gab es ein Hinweisschild, dass mich zur Haltestelle schickte. Draußen stand auch schon ein Pulk von Menschen. Alle standen und blickten mit großen, suchenden Augen in die Runde. Ich machte also das Gleiche. Liese legte sich neben mich, auf eine ausgetrocknete Bahnhofsvorplatzwiese voller Glassplitter und Verpackungsmüll und wartete geduldig.

„Ha!“, dachte ich. „Ich kenne mich ja aus und weiß von meinem Mobiltelefon, dass in 14 Minuten der Bus fährt!“

Was ich nicht wusste: Es gibt keinen Schienenersatzersatzverkehr, sodass ein ausgefallener Bus bedeutet: Es fährt einfach die doppelte Menge an Fahrgästen mit.

So quetschte ich mich neben einen sehr groß und kräftig geratenen Jugendlichen (der auch noch über seine zu langen Beine jammerte und mich tatsächlich erst nicht neben sich lassen wollte), und Elise quetschte sich unter meinen Sitz. Ganz die Hundemama schirmte ich sie mit meinem Fuß ab. Das sollte verhindern, dass mein armes Tier mit ihren Füßen unter fremde Füße geriet. Hat auch geklappt.

Ein voller Bus ist ein Makrokosmos aus Gerüchen, Geräuschen und visuellem Lärm.

Darum gucken die Menschen immer auf den Boden – aber da ist es auch nicht besser: Ich schaue auf die unterschiedlichsten Schuhe, im Sommer sieht man leider auch die Füße. Und ich versichere dir: Der schönste Nagellack macht krumme Zehen nicht schöner!

Irgendwann hatte Elise sich auf den Gang gelegt und bei einer starken Bremsung rutschte sie heftig rudernd gegen einen stehenden Fahrgast, er aber schon resigniert hatte und das gar nicht groß kommentierte. Ich fand es superlustig.

Ich vertrieb mir also ganz gut die Zeit mit Gucken, Denken und vergeblichen Versuchen, nichts zu riechen. Nach 50 Minuten war es soweit: Am Ziel angekommen, noch ein kurzer Gang, und dann endlich den Gatten in die Arme schließen.

Jetzt begann die eigentliche Aufgabe: das (Aus-)Sortieren der Gegenstände, die nahezu ein ganzes Leben lang benutzt, liebevoll dekoriert oder sorgfältig aufbewahrt worden waren.

Gehen wir damit zu „Bares für Rares“ oder kann das weg?

So locker war das für mich nicht: In den letzten 25 Jahren habe ich mich in Mariannes Wohnung möglichst gut benommen. Ich habe nichts kaputt gemacht und es gab vieles, das ich wirklich schön und geschmackvoll fand: Einige Bilder, kleine Kunstgegenstände wie die KPM-Figuren, ihr Verlobungsgeschirr aus den 1950er Jahren und besonders ihre Bücher: Sie hatte ein großes historisches Interesse, aber auch Musik und Kunst mochte sie sehr. Das hat mich damals, als ich sie kennenlernte, sehr beeindruckt. Ebenso wie ihr guter Geschmack in Einrichtungsdingen; es war alles irgendwie so bedacht und achtsam angeordnet:

Kleine Figürchen standen zusammen, aber nichts anderes daneben. Ein modernes Bild bekam den Platz, den es brauchte, während in gebührendem Abstand kleine Miniaturen mit gemalten Gesichtern aus dem 18. Jahrhundert sanft und freundlich ins Zimmer blickten. Und jetzt war da vor Mariannes Wohnzimmertisch ein riesiger Haufen mit Dingen, die wir wegschmeißen werden.

Zugegeben, es ist interessant, Kramschubladen zu öffnen, alte Widmungen in alten Büchern zu lesen oder sich die kleinen Porzellanfiguren genauer anzusehen. Ist das wertvoll? Wem könnte das gefallen? Es ist vieles dabei, das wir für uns mitgenommen haben, einiges haben wir ihr schon in ihr neues Zimmer gebracht. Aber viel Platz hat man in solchen Zimmern ja nicht.

Zwischendurch ging ich durch die Wohnung und sah mir alles an: leere Besteckschubladen, Haufen von alter Kleidung und staubige Wände dort, wo die Bilder gehangen hatte. Mir fiel ein, wie ich als junge Frau ehrfurchtsvoll die Wohnung meiner Schwiegermutter betreten hatte. Ich wollte ihr gefallen und alles richtig machen, mich mit ihr anfreunden.

Und so kam es auch. Sie freute sich über unsere Hochzeit und war natürlich immer da. Zwar im Hintergrund, weil sie nicht in unserer Nähe wohnte. Aber per Telefon und Besuchen war sie Teil unseres Lebens.

Marianne und ich trinken beide gerne Sekt. Auch jetzt noch. Doch eben nicht mehr dort, wo sie die Mutter und Schwiegermutter war und wir ihre Kinder. Die Rollen sind andere geworden. Das ist traurig und ein Abschied. Ich habe ein bisschen geweint. Dann haben wir weiter sortiert.

Es stimmt nicht, dass nichts bleibt

Es bleibt ihr Rezept für Apfelkuchen, ihre Freude überhaupt an Genuss und Kultur. Es bleibt ihr Wille, selbst über ihr Leben zu bestimmen. Und es bleibt ihre Vorliebe zum „Politisieren“. Sie konnte – und kann – sich aufregen! Ich sage Dir, sie wäre eine tolle Politikerin gewesen. Ich hab nie so ganz rausgekriegt, für welche Partei. Ganz bestimmt nicht bei den Konservativen, mehr brauche ich auch nicht zu wissen.

Und noch vieles mehr, das ich hier sicher nicht aufschreiben werde. Das bleibt. Bei ihrem Sohn und bei ihrer Schwiegertochter. Bei ihrer treuen Freundin aus ihrem ehemaligen Wohnort und ihrem tollen Bruder und dessen wunderbarer Familie.

Jetzt lebt sie anders. Aber sie hat Kontakt zu Gleichaltrigen. Sie muss jeden Tag kommunizieren. Dadurch geht es ihr besser. Vorher war sie dan ganzen Tag alleine und sprach mit kaum jemandem. Jetzt ist sie nahbarer geworden und sogar ein bisschen fröhlicher, auch wenn sie das Gegenteil behauptet. Sie ist immer noch stark und entscheidet viele Dinge selbst. Und doch freut sie sich, dass sie Verantwortung abgeben kann.

Und ich sage es immer wieder: Eine stationäre Wohneinrichtung – ein Altenheim – ist nicht das Ende!

Wir fahren also letztendlich mit einem guten Gefühl nach Hause. Immer noch ein bisschen traurig, aber auch ein bisschen stolz. Wir haben vieles sortiert und eingeordnet: in die Kategorien „Das behalten wir“, „Das verkaufen wir“ und „Das kann weg“. Bei jedem Stück haben wir an sie gedacht und an ihr gutes Leben in dieser Wohnung. Nicht immer einfach, nicht perfekt, aber gut und selbstbestimmt. Das ist nun vorbei. Auch jetzt, wo sie sich verändert hat, ist sie noch sie selbst und es geht ihr gut.

Wir werden ihr altes Geschirr in unseren Schrank stellen, den guten Bräter nutzen und uns über die kleinen bunten Schnapsgläser freuen. Die hätte ich mir nie gekauft, aber jetzt sind sie mir lieb und teuer.

Und übermorgen fahre ich wieder zu ihr. Denn morgen besuche ich erstmal meine Mutter.

Ich freue mich so, dass es die beiden gibt.

4. August 2022

Ich war beim Zahnarzt und es hat überhaupt nicht weh getan! So langsam überwinde ich meine Angst. Ich dachte früher, spätestens mit 40 sind alle Zähne weg – die werden gezogen!!! – und man braucht ein Gebiss. Ich bin so froh, dass es nicht so ist. Manchmal muss man auch Glück haben. Schöner Tag!

29. Juli 2022

Ich habe Angst vorm Zahnarzt. Immer schon gehabt. Als Kind habe ich versucht, den Doc mit Fragen zu löchern. Ich wollte Zeit schinden. Damit er bloß nicht darau kommt, mir in den Mund zu gucken. Schon die ganze Woche habe ich mir ins Hemd gemacht, weil ich heute einen Termin für eine Wurzelbehandlung hatte. Zum Glück ist das heute alles nicht mehr so schlimm. Solange die Betäubung wirkt, halte ich es aus. Und ich habe einen supertollen Zahnarzt! Angst habe ich trotzdem.

Ich zog also heute ganz tapfer los, atmete schon auf dem Weg zur Praxis tief und langsam – nur um gleich wieder umzukehren, weil der Termin erst nächste Woche ist.

Das passiert mir ständig!

Wie oft habe ich schon Termine verpasst, weil ich sie mir entweder nicht aufgeschrieben oder falsch gemerkt habe!!! Aber weil mir das schon seit Jahrzehnten passiert, bin ich mir sicher, dass es zumindest nicht am Alter liegt. Also habe ich beschlossen, für den Rest des Tages gute Laune zu haben und was Schönes zu kochen.

Und mir gehen viele Themen durch den Kopf, die ich hoffentlich bald hier veröffentlichen werde. Das Wochenende kann kommen.

 

 

 

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3 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Oh, die Angst vor dem Zahnarzt kenne ich auch! Als ich klein war, habe ich immer versucht, wegzulaufen. Zum Glück kann ich jetzt auch besser damit umgehen. Aber Zähne sind eben irgendwie total empfindlich.

    Antworten
    • Gisela Graw
      29. Juli 2022 17:15

      Ja, ich weiß auch nicht, warum das so ist. Ich bin heilfroh, dass es Betäubungsspritzen gibt. Auch wenn das Sabbern danach weniger schön ist 🙂

      Antworten
  • Thorsten Rudnick
    29. Juli 2022 17:23

    Ich sach ma: Kalender!

    Antworten

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