Die Frau des Monats August ’21

Keine Kommentare
Foto: Jochen Müller
Die Frau des MonatsKultur
Foto: Jochen Müller

Das ist Thekla Zell, Kuratorin des Musums Schloss Morsbroich in Leverkusen. Sie ist 41 Jahre alt, geboren in Kiel. Sie lebt in einer Beziehung und hat zwei Söhne im Alter von 13 und 20 Jahren.

Ja, sie ist sehr früh Mutter geworden und zwar sehr bewusst, wie sie direkt sagt. Zu der Zeit, mit 21, hat sie noch Kunstgeschichte und Germanistik studiert. Ein ambitioniertes Studium und ein kleines Kind; für viele Frauen wäre das ein Widerspruch. „Für mich war es nicht schwer“, sagt sie und man merkt, dass sie schon oft danach gefragt wurde. „weil ich das wollte.“

Eine Location wie aus einem Märchenfilm:

Ein kleines wunderschönes Barockschlösschen, umgeben von einem kleinen Park, in dem Skulpturen stehen. Und all das in unmittelbarer Nähe von Leverkusen und Köln.

Alles ganz toll, aber mich interessiert heute nicht so sehr das schöne Gebäude, sondern die Frau, die drin arbeitet. „Drin“ ist eines der bemerkenswertesten Museen für Gegenwartskunst der Nachkriegszeit – und Thekla Zell ist seit Dezember 2020 die Kuratorin.

Ein schönes Fleckchen zwischen barocker Architektur und moderner Kunst. Passt gut zusammen!

Die Bezeichnung „Kuratorin“ hört sich für mich ein bisschen verstaubt an, aber dieser Beruf ist einer der lebendigsten, die ich mir vorstellen kann.

In einem Text, den ich beim Deutschlandfunk gefunden habe, steht über diese Aufgabe Folgendes:

Der Kurator und die Kuratorin sind immer in Sorge. Curare, lateinisch: sorgen, Sorge tragen, sich kümmern, verwalten, behandeln, pflegen. Ob kurieren oder doch besser kuratieren: Der Beruf scheint eine Mischung aus medizinischen und bürokratischen Tätigkeiten zu sein. Und das stimmt ja auch. Ein Kurator ist für den einwandfreien Zustand der ihm anvertrauten Kunstwerke zuständig. Er muss sie katalogisieren, pflegen, wissenschaftlich erforschen und schließlich auch präsentieren, in einem möglichst attraktiven, für eine große Öffentlichkeit erreichbaren Schaufenster – im Museum.

Hier geht es zum ganzen Artikel.

Ich bin mit meiner heutigen Protagonistin im Foyer verabredet, wo man sonst die Eintrittskarten kauft. Die nette Lady an der Kasse ruft sie an und kurz darauf kommt sie und begrüßt mich. Sie wirkt auf mich sehr jung und darum überhaupt nicht museal. Ich bin gespannt auf sie.

Wir entscheiden uns, erst einmal durch die aktuelle Ausstellung zu gehen. Derzeit wird hier eine Ausstellung unter dem Titel

„Der Katalysator – Joseph Beuys und Demokratie heute“ gezeigt.

Ich sehe zum ersten Mal ein Werk von Joseph Beuys – ein Haufen aus schwarzen Steinen in einer Ecke. „Wissen Sie denn, wie genau Sie die Steine drapieren müssen?“, frage ich sie. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie man sowas macht.

„Nein“, sagt sie lachend, zu meiner Erleichterung. „Das ist nicht festgelegt, aber es gibt Fotos, nach denen man sich richten kann.“

Thekla Zell hat die Ausstellung nicht selbst kuratiert, dafür ist sie noch nicht lange genug im Museum. Aber natürlich kennt sie sie trotzdem gut.

Ich stehe noch sinnierend vor den dicken Steinen und schaue auf den obersten, der die Signatur von Beuys trägt. Plötzlich ruft Thekla Zell „Huch!“, und zieht ganz schnell ihr Jackett aus: „Ich hab mein Jackett verkehrt rum an! Wieso sagt mir das keiner?“ Sie lacht dabei, dreht es um und zieht es sich richtig an. Spätestens ab da finde ich sie toll und ich bin richtig froh, dass wieder Präsenztermine möglich sind. Zwar mit Maske, aber das stört mich nicht weiter.

Sie erklärt mir sehr verständlich, was die Werke darstellen, was dort im Einzelnen zu sehen ist usw. Sie kennt sich gut aus, aber es ist keine Sekunde langweilig, denn sie doziert nicht. Sie zeigt, sie vermittelt und sie liefert Hintergründe. Wie ausgesprochen angenehm.

Ich habe mich noch nie sehr für Beuys interessiert (inzwischen weiß ich auch warum), aber diese Ausstellung ist spannend. Denn es geht – so habe ich das zumindest verstanden – um Beuys als Inspirator. So drücke ich das auf meine Art aus.

Dazu steht im Begleittext der Kuratorin Ania Czerlitzki:

„In den Naturwissenschaften werden mit dem Begriff Katalysator Stoffe bezeichnet, die eine chemische Reaktion verstärken und beschleunigen, ohne dabei selbst verbraucht zu werden. Bezieht man diese Aussage auf die Kunst, wird sie zu einem kulturellen Werkzeug, das gesellschaftliche Entwicklungen befeuert.“

 Kunst als Verstärker demokratischer Prozesse.

Natürlich weiß ich, dass Künstlerinnen und Künstler andere und nachfolgende Kunstschaffende beeinflussen, Kunst auf Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte verändern und stärken können. Aber ich habe diese Erkenntnis noch nie so bewusst in Zusammenhang mit aktueller Politik gesehen. Und in meiner Liebe zur grafischen Sicht der Welt vergesse ich auch immer, wie dringend nötig aktuelle Kunst ist, um politische Verhältnisse zu visualisieren. Und um Systeme, unter denen Menschen leiden, zu entblößen.

Weiter heißt es: Wie werden Gefühle und Stimmungen sowohl durch Kunst als auch Politik verstärkt, erzeugt und genutzt? Wie steht es heute um unser Verständnis von Demokratie? Inwiefern kann Kunst der Katalysator für gesellschaftliche und politische Veränderung sein?

 Tja, wie? Wenn dich das interessiert, lohnt es sich wirklich, sich diese Ausstellung dazu anzusehen. Am besten mit einer öffentlichen Führung, die es jeden Sonntag um 15 Uhr gibt.

Ich habe meine Führung sehr genossen. Thekla Zell hat eine Art, Kunst zu erklären, die ich total angenehm finde. Sie wirkt zu keiner Zeit wie eine coole Fachfrau, die mir mal eben mit berauschenden Fachausdrücken erklärt, was ich vor mir sehe.

Sie bringt mir wirklich näher, was diese Ausstellung ausdrücken soll. In einigen Räumen bekomme ich sogar eine Gänsehaut, als sie mir die Exponate erklärt und ich gestehe ihr sogar mein früheres Desinteresse an Beuys. Sie lacht und sagt, dass es vielen so geht, die sich mehr für grafische Darstellung interessieren. Aber sie lacht mich nicht aus und das finde ich nun wirklich cool.

So klar und unaufgeregt wie Thekla Zell mir die Kunst von Beuys und den anderen Künstlern erklärt hat, ist sie auch in ihrer – ich suche ein anderes, weniger braves Wort für Zielstrebigkeit. Konsequenz?

Ich empfinde sie, so wie sie spricht und sich gibt, nicht als starre Frau, die nur auf ihr Ziel hin lebt. So wirkt sie nicht auf mich. Auch das Thema Erfolg ist nicht so wichtig für Sie:

„Kürzlich wurde ich als Karrierefrau bezeichnet. Aber das bin ich nicht, das ist einfach mein Job. Ich muss mein Geld verdienen und das kann ich eben nur so. Und außerdem: Wer würde einen Mann Karrieremann nennen?“

Ha! Sie bringt es auf den Punkt.

Frau braucht einen emanzipierten Mann

Das wäre schön, aber meistens sieht das eben immer noch anders aus. Doch Thekla Zells Lebensgefährte hat etwas Tolles gemacht: Beide lebten mit den zwei Jungs in Ulm, wo sie kuratorische Assistentin war und zum Beispiel die 19. Triennale Ulmer Kunst kuratierte.

Aber Thekla Zell wollte raus aus Ulm, das immerhin nur halb so groß ist wie zum Beispiel Bielefeld, aber sicher ähnlich provinziell. Inzwischen war das zweite Kind geboren und sie hatte angefangen, zu promovieren.

Sie suchte einen Job in einer größeren, kulturell vielfältigen Stadt oder Gegend. „Wir hatten einen Deal: Wer als erstes einen guten Job findet, darf ihn annehmen und alle anderen ziehen mit.“

Und 2012 fand Thekla Zell einen Job: als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der ZERO foundation in Düsseldorf. Der Vertrag war zunächst befristet und nur für drei Tage in der Woche. Aber der Deal stand…

„Es nicht zu machen, ist das Schlimmste“, sagt Thekla Zell.

Also hat ihr Partner Wort gehalten und die Kinder ebenso und alle sind umgezogen. „Ich habe mich von Anfang an hier wohl gefühlt. Nach der eher kleinstädtischen Atmosphäre in Ulm hat mir das lebendige Rheinland gut gefallen.“

Ein Mann, der seiner Frau folgt – und eine Frau, die sich traut, das anzunehmen. Chapeau!

Und wie das Leben so spielt: Der Vertrag wurde verlängert, aus der wissenschaftlichen Mitarbeiterin wurde Thekla Zell Kuratorin und Leiterin der Sammlung dort. Bis sie Ende des vergangenen Jahres Kuratorin im Schloss Morsbroich wurde.

Noch hat sie keine Ausstellung selbst kuratiert, weil sie erst im Dezember 2020 angefangen hat. Aber im September gibt es eine Jubiläumsausstellung. Das Museum, das immerhin die erste Neugründung eines Museums für Gegenwartskunst in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland ist, wird 70.

https://www.museum-morsbroich.de/museum/geschichte/

Dieser Geburtstag muss gefeiert werden. Unter dem Titel „Das Ensemble schreibt das Stück.“ wird es eine ungewöhnlich Schau geben: Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter darf sich bis zu sechs Werke aus der Sammlung aussuchen, die dann jeweils als kleines Ensemble Teil der Ausstellung sein werden.

Dieses Konzept bestätigt den Eindruck, den ich von ihr gewonnen habe: Sie liebt die Kunst, ohne sie elitär zu überhöhen. Auf diese Ausstellung bin ich schon sehr gespannt!

Es ist vielleicht keine originelle Frage, aber ich möchte wissen, ob sie selbst auch malt. „Ich wollte als junge Frau sogar freie Kunst studieren“, erzählt sie und lacht. „Ich hatte sogar schon vor dem Abi eine Mappe vorbereitet. Aber dann wurde mir klar, dass ich meine Bilder ja auch ausstellen müsste, um damit Geld zu verdienen. Das ging für mich aber nicht!“.

So zeigt sie lieber die Werke der anderen und genießt den Umgang mit kreativen Menschen. Auf meine Frage, was das Schönste in ihrem Job ist, sagt sie: „Der Moment, wenn alles fertig ist. Wenn ich vor der Vernissage durch die Räume gehe und mir alles noch einmal ansehe.“

Sie kann gut finden, was sie tut, und stolz darauf sein. Das gefällt mir.

Und die Frauen in der Kunst?

„In der Kunstszene, besonders in der traditionellen, sind meistens Männer die Big Names. Das ändert sich gerade ein wenig.“

Sie hat durchaus ein Auge drauf, dass in ihren Ausstellungen nicht nur Werke von Männern hängen. Thekla Zell mag das Aufbrechen alter Traditionen, die es selbst in der modernen Kunst zu geben scheint.

Und sie macht Frauen Mut, sich in den Kunstbetrieb zu trauen, egal in welcher Rolle.

 

„Frauen sollten sich nicht einschüchtern lassen, sondern ihr Ziel verfolgen.“

Da ist wieder diese Klarheit, mit der sie ein Ziel vor sich sieht. Vielleicht ist das doch Zielstrebigkeit.

Ich vermute, dass die zeitgenössische Kunst eher eine Männerdomäne ist. So habe ich es auch während meines Grafik-Design-Studiums erlebt. Umso besser, dass es Frauen wie Thekla Zell gibt, die das ein wenig „feminisieren“. Nicht mit Schleifchen und Rüschen, sondern mit Fachkenntnis, Selbstbewusstsein und – Zielstrebigkeit.

Vielen Dank, liebe Thekla Zell, dass Sie sich Zeit genommen haben. Ich freue mich, dass dieser Text über Sie jetzt auf meinem Blog steht – über eine unverstellte, kluge und interessante Frau. Und ein bisschen über Beuys.

Das könnte dich auch noch interessieren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren.

Menü