Lustangst? Was ist das?

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Ein Beitrag von Eva von Buch

Als ich dann schließlich im Zug nach Hamburg saß, habe ich gedacht: „Du spinnst“! Fast sechsundfünfzig Jahre alt und nochmal ´ne neue Ausbildung?

Das war Lustangst, es war mir nur noch nicht bewusst!

Ich war auf dem Weg zu einem ersten Treffen von Menschen, die Supervisor*innen werden wollen. Und spätestens als ich in der Runde von neunzehn Frauen und Männern saß, darunter die beiden Lehrsupervisor*innen, hatte ich mächtig die Hose voll! Aber dazu später mehr…

Du kennst das vielleicht: Dinge, die wir als schön empfinden, die gleichzeitig aber auch Angst oder andere negative Gefühle wie Schmerzen bereiten können. Das sind vielleicht Situationen im Sport, beim Essen oder beim Sex… Darum geht es hier aber nicht. Auch nicht um Fahrgeschäfte auf der Kirmes. Oder – doch. So ein bisschen Achterbahn ist wahrscheinlich auch mit dabei.

Angstlust kannten schon die alten Griechen

 „Die griechische Tragödie sollte nach Aristoteles Furcht (phobos) und Mitleid (eleos) erregen, um zu einer Reinigung (katharsis) der Emotionen zu gelangen“, so erklärt es Wikipedia. Den Begriff kannten sogar auch Lessing, Kleist, Schiller und Goethe. Wusste ich gar nicht!

„Angstlust“ ist tiefenpsychologisch untersucht, der Psychoanalytiker Michael Balint (1896-1970) definierte sie so, dass Menschen „sich freiwillig einer Gefahr aussetzen, aber von der Zuversicht getragen werden, die Gefahr und die damit verbundene Angst bewältigen zu können und alles gut werde.“

Ich fand es in der Vorbereitung zu diesem Artikel ganz spannend,  dass es unterschiedliche Formen von „Angstlust“ zu geben scheint.

Zum einen sowas wie Nervenkitzel, Thrill, Kick, Abenteuersuche. Zum anderen: Masochismus, also die Lust an der Angst, der Qual. Na super!

Dann wird auch noch unterschieden zwischen Eigenerleben und Zuschauererleben. Das finde ich total interessant, weil es natürlich ein großer Unterschied ist, ob ich mich selber tatsächlich in Gefahr begebe – oder ähnliche Gefühle einfach nur dadurch auslöse, dass ich (echte oder scheinbare) Gefahrensituationen beobachte.

Selber machen oder nur zugucken?

Ich brauche weder Mutproben noch Abenteuersport – auch keine Psychothriller oder Videospiele… Aber das ist wohl Geschmackssache! Außerdem bin ich einfach schon zu alt für sowas! Und eine masochistische Ader habe ich schon gar nicht – um Himmels willen!

Aber kennst du das auch: Im Zirkus – Akrobaten in der Zirkuskuppel – ich mag gar nicht hinschauen, weil die gleich wirklich runterfallen könnten – aber ich gucke hin, mein Herz schlägt schneller, der Atem ist flach, fast kriege ich keine Luft mehr. Und dann das Gefühl der Erlösung und Erleichterung, wenn doch alles gut gegangen ist. Und die ganze Zeit war ich selber ja überhaupt nicht in Gefahr! Ein klassischer Fall von „Angstlust“.

My very personal „Lustangst“

Ich nenne dieses Phänomen für mich „Lustangst“. Meine ganz persönliche „Lustangst“ ist eher was Schönes. Weil die Lust eindeutig überwiegt.

Der Lust-Anteil basiert auf vielen guten Lernerfahrungen und deren positiven Folgen. Hat mich immer wieder neu gepackt und motiviert. Und hat dazu geführt, dass ich mich weiterentwickle. Zum Beispiel das späte Studium, als die Kinder so mittelgroß waren, neben dem Job her… ich weiß heute echt nicht mehr, wie ich das alles gepackt habe. Aber ich kann mich an dieses Gefühl erinnern…. So ein unbändiger Tatendrang, eine Kraft und Klarheit! Ich habe wahre Glücksgefühle entwickelt! Mit lauter Achtzehnjährigen im Hörsaal, gefühlt skeptische Blicke von allen Seiten… und ich laufe zu Höchstformen auf!

Was mich so total motiviert hat war tatsächlich das Lernen als solches. Dinge lernen zu dürfen, die mich wirklich interessieren, die ich spannend finde. Mich mit anderen Studierenden auszutauschen, mit ihnen zu diskutieren, Konzepte zu entwickeln. Die quirlige, lebendige Atmosphäre in der Uni. All das zu erleben, empfand ich als absolutes Privileg! Wenn die Lust, etwas zu tun so groß ist, dass die Angst kleiner wird. So isses doch.

Angst essen Eva auf?

Aber klar – Angst hatte ich natürlich auch ´ne Menge! Ich hatte einen kleinen Beitrag in der Tageszeitung gelesen. Der Studiengang „Gesundheitskommunikation“ wurde vorgestellt, es gab erst einen Durchgang von Studierenden, die schon immatrikuliert waren. Das Thema packte mich sofort. Ich fing an zu überlegen, ob und wie ich ein solches Präsenz-Studium mit meiner Tätigkeit als Inhaberin eines Franchise-Unternehmens und meiner Rolle als Mutter und Partnerin vereinbaren könnte.

Und dann kam die Angst.

Fragen über Fragen gingen mir ständig durch den Kopf:  Schaffe ich es überhaupt noch (damals mit Anfang vierzig), mir Wissen reinzupauken, Prüfungen zu bestehen, Hausarbeiten zu schreiben? Die anderen finden mich bestimmt zu alt.

Oh Gott – ich bin ja so alt wie oder sogar älter als die Dozent*innen!? Schaffe ich es, Kinder, Job, Haushalt und Beziehung mit dem Studium zu vereinbaren? Was passiert, wenn ich scheitere? Reicht das Geld aus? Natürlich hatte ich all‘ diese Zweifel, und natürlich waren die auch berechtigt! Aber: Ich wollte unbedingt, dass es funktioniert. Ich hatte Bock auf Uni, auf neue Erfahrungen, auf neue Menschen! Diese Lust hat mir letztendlich die Kraft und Energie gegeben, Lösungen zu entwickeln für die anstehenden Herausforderungen.

Was sagt das Horoskop?

 „Die Mondknotenachse macht Ihre besonderen Fähigkeiten und Gaben nun gut sichtbar. Das könnte Sie nicht nur bei Ihrer persönlichen Entfaltung unterstützen, sondern auch helfen, sich im Job zu profilieren. Für den Mut, beherzt nach vorn zu gehen, sorgt nun Uranus. Der sprengt oftmals ruck, zuck einschränkende Vorstellungen.“

So war das nämlich immer wieder, wenn ich beschlossen habe, dass jetzt aber mal wieder was Neues kommen muss. Nicht, dass ich auch nur entfernt an irgendwelche Horoskop-Schwurbeleien glauben würde. Aber man fühlt sich doch gleich viel besser, wenn das Horoskop die eigenen Entscheidungen noch bestätigt, oder?

Dass ich einschränkende Vorstellungen sprengen konnte, lag allerdings vielleicht eher an der Lust auf die neue Herausforderung und dem Gefühl, sie auch bewältigen zu können. Das nennen die Gesundheitswissenschaftler*innen übrigens  „Selbstwirksamkeit“. Das Gefühl von Selbstwirksamkeit wiederum speist sich aus positiven Erfahrungen, aber auch aus genetischen und sozialisatorischen Faktoren. Nur kurz zur Sozialisation: Meine Eltern haben mich beispielsweise immer sehr liebevoll unterstützt und gefördert – und sich zurückgehalten, wenn sie eine meiner Entscheidungen im Leben eher schräg fanden.

Das Studium hatte ich also in der Tasche, gleich danach auch einen neuen Job. Die Ablösung vom alten klappte ziemlich reibungslos. Und so hatte ich eine frischgewaschene, nagelneue berufliche Zukunft vor mir. Der Einstieg in den neuen Job als Organisationsberaterin war nicht immer leicht. Ich brauchte wirklich eine lange Einarbeitungsphase…

Und dann, nach zehn Jahren Organisationsberatung, habe ich erneut den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Die Kinder waren nun groß und gingen ihre eigenen Wege. Und zum Glück haben sie mir auch auf mehrfache Nachfrage hin nie verübelt, dass ich so viel Zeit und Energie auf das Studium und den beruflichen Wechsel verwendet habe.

Lustangst trägt und beflügelt mich 

Gleichzeitig hat mir der Angst-Anteil aber vielleicht auch dabei geholfen, mit beiden Beinen fest auf der Erde zu bleiben. Ich war bereits gut angekommen in der Selbständigkeit, als Corona kam. Mit einem Mal fielen Seminare, Beratungen und Workshops fast vollständig aus und ich hatte viel Zeit zum Nachdenken. Und zum Pläneschmieden… Du ahnst es…

Lustangst ahoi!

In der Coronazeit ist mir nämlich bewusst geworden, wie gerne ich „face to face“, wie es so schön heißt, mit Menschen arbeite – allein oder im Team. Die ständigen ZOOM-Konferenzen haben ihre Berechtigung, aber sie können aus meiner Sicht nicht den Echt-Kontakt ersetzen, sind lediglich ein Hilfsmittel… Also habe ich mich für eine Weiterbildung entschieden, in der es um sehr viel persönlichen Kontakt und mitunter auch viel Nähe zu anderen Menschen geht.

Die Supervisions-Ausbildung basiert auf der Methode des Psychodramas. Ich lerne, Klient*innen und Teams mithilfe von Rollenspielen und dem Nachstellen von Situationen oder Emotionen zum Beispiel beim Verstehen oder der Klärung von Konflikten zu unterstützen. Das ist also sehr „hands on“ – und ich weiß, dass ich die persönliche, auch körperliche Nähe zu anderen Menschen für meine Arbeit so wichtig finde – also Coach und Beraterin. Und da ist sie schon wieder – die Lust auf das Entstehen von Nähe, von geistiger und körperlicher Erfahrung, von Erkennen und Verstehen von Zusammenhängen.

Die Lust, gemeinsam mit anderen Menschen zu lernen. Ist das nicht wunderbar?

Und dann sitze ich also mit den 19 Frauen und Männern in der Runde. Wir taxieren uns freundlich, wohlwollend. Eine erste Vorstellungsrunde zeigt schnell, dass in diesem Raum eine unglaubliche Menge an Erfahrung und Wissen zusammenkommt. Ich werde immer kleiner auf meinem Stuhl, fühle mich nun deutlich unwohl.

Die einzige Organisationsberaterin in der Runde zu sein verstärkt eher noch das Gefühl, hier vielleicht gar nicht hinzugehören, nicht qualifiziert genug, nicht gut genug zu sein…. Wie ich dieses Gefühl kenne! Und dabei könnte man doch meinen, mit Mitte fünfzig hätte frau das langsam mal abgelegt. Aber scheinbar muss ich schon wieder da durch.

Aber: Diese Gefühle mindern trotz allem nicht meine Lust auf Lernen… Am Ende der zwei Einstiegs- und Kennenlerntage ist für mich klar: Ich werde weitermachen. Ich will da reingehen, mich einlassen, lernen, wissen. Auf dem Heimweg im Zug weiß ich: Es ist mehr Lust als Angst. Und mit dieser Art von Angst werde ich fertig!

 

Eva von Buch lebt und arbeitet in Bielefeld. Sie ist Organisationsberaterin, MBSR-Trainerin und Coachin. Mehr über Eva erfährst du hier: http://beratung.eva-von-buch.de/

 

 

 

 

 

 

 

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