Pflege ist Frauensache!?

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Worüber ich so nachdenke...

Viele meiner Freund:innen stehen in diese Jahren vor der schwierigen Aufgabe, sich um ihre alten Eltern zu kümmern. Wenn Mutter und Vater gebrechlich werden, dauert es eine Weile, bis man realisiert: Die brauchen Hilfe und ich muss mich jetzt kümmern.

So ging es mir und meinem Bruder auch: Unsere Mutter fuhr bis weit in ihre 80er noch mit dem Fahrrad in die Stadt. Sie war beweglich und fit. Aber die Augen machten nicht mehr mit. Sie stieg um aufs Taxi. So lief es ein paar Jahre.

Versorgung von heute auf morgen

Eines Abends stürzte meine Mutter. Zum Glück war meine Nichte gerade zu Besuch und konnte sich kümmern. Der Notarzt brachte sie ins Krankenhaus. Die Diagnose am nächsten Tag: Beckenbruch. Zum Glück musste sie nicht operiert werden. Aber es war eine harte Zeit für sie. Damals war sie 90 Jahre alt.

Nach dem Krankenhaus zunächst die Kurzzeitpflege zur Mobilisierung und dann kam sie nach Hause. Ambulante Pflegedienste sind die Rettung in so einer Situation. Sie kommen maximal drei Mal am Tag. Aber was ist mit der Zeit dazwischen? Wenn keiner da ist?

Sobald ein Mensch Betreuung rund um die Uhr braucht, steht eine Entscheidung an: Versorgung zu Hause oder in einer Pflegeeinrichtung?

Viele Menschen – egal ob Söhne oder Töchter – scheuen sich, ihre Eltern „ins Heim zu geben.“ Auch die Betroffenen selbst fürchten sich davor.  Sie haben Horrorbilder von kalter, unmenschlicher Versorgung im Kopf. Stattdessen wählen sie das liebgewordene und vermeintlich sichere Zuhause und damit die Pflege durch die Angehörigen.

Es gibt für beide Lösungen sehr gute Argumente. Keine ist perfekt.

Ich habe hier das Privileg, meine persönliche Meinung aufzuschreiben. Aber nicht, ohne auch andere Ideen gelten zu lassen. Zunächst ein paar Fakten:

Das  Statistische Bundesamt hat im Dezember 2020 in einer Pressemitteilung geschrieben:

72.700 höchst Pflegebedürftige wurden Ende 2019 allein durch Angehörige zu Hause versorgt.“

Weiter heißt es:

„Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, wurden Ende 2019 hierzulande 2,1 Millionen Menschen mit Pflegegrad 2 bis 5 und damit mehr als die Hälfte aller 4,1 Millionen Pflegebedürftigen (51,3 %) allein durch Angehörige zu Hause versorgt. 72 700 von ihnen hatten den höchsten Pflegegrad (5) und wiesen damit schwerste Beeinträchtigungen mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung auf. 

Pflege zu Hause betrifft auch das Thema Geschlechtergerechtigkeit: In Deutschland ist die bezahlte und unbezahlte Arbeit zwischen Männern und Frauen ungleich verteilt, der Gender Care Gap liegt bei 52 %. Dies bedeutet, dass Frauen durchschnittlich 52 % mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit verwenden als Männer, erläutert Prof. Dr. Jutta Almendinger in unserem Podcast .“

Das sollte auf jeden Fall eine wichtige Rolle bei der Entscheidung für oder gegen die Pflege zu Hause spielen: Wer pflegt denn eigentlich? Wer kann das überhaupt? Und damit meine ich nicht nur die pflegerischen Fähigkeiten, sondern auch die psychische Bewältigung dieser Aufgabe.

Wie die Zahlen oben belegen, sind das in den meisten Fällen Frauen. Töchter und Schwiegertöchter, Ehefrauen oder sogar Mütter.

Das geht natürlich, weil Frauen es gewohnt sind, sich um andere zu kümmern. Aber es geht auch, weil Frauen die schlechter bezahlten Jobs haben oder sowieso als Familienfrauen beschäftigt sind.

Zu diesem Thema habe ich ein sehr lesenswertes Interiview gefunden, dass ich hier gern verlinke:

Emanzipation in der häuslichen Pflege

Ich möchte hier nicht für oder gegen die Pflege durch Angehörige plädieren. Denn jede Pflegesituation ist anders. Aber ich möchte Mut machen, die stationäre Pflege – das Heim – nicht von vorneherein auszuschließen.

Ich möchte Frauen Mut machen, sich gegen diese Aufgabe zu entscheiden.

Das heißt nämlich nicht, dass du die Verantwortung abgibst oder dich drückst. Du wählst nur einen anderen Weg. Einen, den du gehen kannst, ohne dich selbst zu instrumentalisieren.

Pflege ist ein anstrengender Job, der unglaublich erfüllend sein kann. Ich habe als junge Frau ein FSJ in der Altenpflege gemacht, in einem Hospiz gearbeitet und pflegebedürftige Senioren in den intensivsten Situationen erlebt. Ich fand es bereichernd. Aber das waren nicht meine Eltern oder Schwiegereltern.

Das Heim ist nicht das Ende

Nach ihrem Sturz war meine Mutter nicht lange zu Hause. Sie konnte nicht mehr alleine für sich sorgen und mein Bruder und ich konnten die Pflege nicht übernehmen. Arbeit, Kinder, weite Entfernung – es ging einfach nicht. Ich bin meiner erstaunlichen Mutter heute noch sehr dankbar, dass sie in einem Gespräch selbst das Pflegeheim als Lösung gewählt hat. Sie hat weder mich noch meinen Bruder unter Druck gesetzt. Ich werde nie vergessen, was sie sagte, als ich einen Heimplatz gefunden hatte:

„Da fange ich jetzt ein neues Leben an!“

Und es hat sich gelohnt: Sie wurde in diesem Heim mobilisiert (Danke Maria!)  und läuft wieder ganz leicht am Rollator. Sie hat Kontakt zu vielen Menschen und sieht, dass es anderen auch mal nicht gut geht, dass sie altersgemäße Probleme haben. Sie ist weniger allein.

Natürlich sind mein Bruder und ich weiterhin für sie da. Wir sind bei ihr. Wir holen sie zu Familienfeiern oder kleinen Ausflügen. Sie ist nach wie vor Teil der Familie. Und seit sie stolze Uroma ist, geht es ihr noch besser.

Inzwischen ist meine Mutter 94 Jahre alt. Eine Greisin, die viel erlebt hat. Und die immer noch viel zu geben hat. (Siehe Bild oben)  Dass es ihr so gut geht, verdanken wir auch den Frauen – und wenigen Männern 🙂 – in ihrem neuen Zuhause. Sie sind gut ausgebildet, engagiert und immer menschlich und liebevoll. Das könnte ich nicht leisten. Und ich würde es auch nicht wollen. Meine Mutter bestimmt immer noch selbst. Mit Einschränkungen vielleicht, aber mit Würde. Auch im Heim.

 

Hier findest du weitere Infos:
Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e. V.
Bundesgesundheitsministerium zur Pflege zu Hause
Bundesgesundheitsministerium zur stationären Pflege

Auch noch passend zum Thema:
Mein Tagebucheintrag vom 14. August

 

 

 

 

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